Alles, was zählt

von Udo Wolter
© 2005 (Erstveröffentlichung)

Das glaubt mir keine Sau. Ich hätte es ja auch nicht geglaubt, selbst dann nicht, wenn es mir jemand in einer geschriebenen Version wie dieser gegeben hätte. Aber die Sache ist wahr und ich dichte nichts dazu. Manchmal erwischt es einen eben und man kann nichts dagegen tun. Obwohl ich vorher nichts mit solchem Kinderkram zu tun hatte. Wissen Sie, ich habe mich verändert. Früher hätte ich sowas nicht aufgeschrieben, da stellt sich immer die Frage: Für wen? Trotzdem mache ich es, es grenzt an ein Wunder.

Ein anderes Wunder war, daß ich ihn ansprach. Auch das hätte ich früher nicht getan. Muß irgendwie Schicksal gewesen sein. Normalerweise rede ich nichtmal mit solchen Pennern, wenn sie was von mir wollen. So einen würde ich nichtmal einstellen, um den Hof zu putzen!
Aber als Firmenchef hat man wenig Zeit und die üblichen Ablenkungen vom Alltag bringen oft keine Befriedigung. Das mag vorgeschoben klingen. Denn natürlich besaß ich mal viel Geld und konnte mir alles leisten. Aber Geld macht nicht glücklich, das kann ich Ihnen sagen. Es beruhigt die Nerven, aber mehr nicht. Glauben Sie etwa, mehrere Autos in der eigenen Garage wären ein Garant für mehr Lebensfreude? Man kann doch sowieso nur eins zur gleichen Zeit fahren! Oder ein Haus auf Mallorca und ein Haus in Berlin, in Hamburg. Glauben Sie mir: irgendwann WOLLEN sie einfach nicht mehr hin und her jetten. Diverse Locations machen nur Streß, man ist nie wirklich zu Hause. Und dann dieser Eiertanz mit den Gewerkschaften. Jaja, ich bin der böse Halsabschneider, blabla. Ich kann es nicht mehr hören! Und meine Frau meint, durch Konsum Sex ersetzen zu können. Sie nimmt MEIN Geld, geht damit den ganzen Tag einkaufen UND nörgelt mir abends noch die Ohren voll, wie erledigt sie ist. Ihre Sorgen möchte ich haben. Glücklicherweise sind die Kinder schon aus dem Haus. Die nervten mich auch nur. Und vor allem sind sie weit weg über den Planeten verstreut. Nicht auszudenken, wenn sie mich so sehen könnten, wie peinlich! Da würde ich mich dann doch ein wenig schämen. Aber vielleicht sollte ich erstmal von vorne anfangen.

Vor 2 Monaten fiel er mir das erste Mal auf. Er sah korrekt angezogen aus. Aber er hatte etwas Seltsames an sich. In einem Kino-Film hatten ein paar Frauen den Polizisten Tips über die gesuchten Verbrecher gegeben: Irgendwie schräg.
Und das traf auch auf diesen Typen zu. Er stand da in seinem langen, beigen Mantel. Es war Anfang November und es war schon recht kalt, aber der Trubel auf den Straßen hatte noch nicht Weihnachtsausmaße angenommen. Er hatte sich das Plätzchen zwischen Apotheke und U-Bahn-Eingang ausgesucht. Dort zog es nicht so sehr, dachte ich. Ich betrachtete ihn eine Weile und bemerkte, daß er die ganze Zeit redete. Aber mit wem? Da war niemand. Wieder so ein durchgeknallter Spinner, dachte ich bei mir und ging weiter. Ich setzte mich in mein Auto und fuhr zur Arbeit. Als ich abends zurück kam, stand er immer noch dort. Und der Mund bewegte sich unentwegt. Er hatte eine Cola-Dose in der Hand und nahm zwischendurch immer wieder einen Schluck. Eine Frau sprach ihn an, nachdem er aber etwas geredet hatte, ging sie erschrocken weg und drehte sich beim Weggehen noch ein paar Mal zu ihm um. Das weckte in mir Interesse. Obwohl ich natürlich von vornherein interessiert war, sonst wäre mir das alles nicht aufgefallen. Seine Haarfülle war etwas dünn, aber immerhin war er noch blond und nicht ergraut wie ich. Ich beschloß also, etwas näher zu kommen, um zu hören, was er so schlimmes zu sagen hatte, daß die Frau angstvoll zurückgewichen war.

"16 Reifen. 20 Reifen. Hey, ein Jeep, das sind 25 Reifen." Was laberte der da? Reifen? Hä? "36 Reifen. 40 Reifen. Wechsel. SCHEISSE! WECHSEL!" Er brüllte regelrecht. "2 Schuhe. 4 Schuhe. Gut, daß kein Schuhladen vorbei kommt. Haha. 6 Schuhe, 8, 10, 12..." Was war das für eine Psychose? Etwas erschrocken ging ich nach Hause. Am nächsten Tag beschloß ich, abends nach Feierabend mit ihm zu reden. Leider wurde daraus nichts, denn der Abend zog sich länger hin, als man denkt. Es gab eine Krisensitzung, ja, das Übliche. Der Betriebsrat sträubte sich mal wieder gegen Entlassungen. Aber da kannte ich kein Pardon, die Leute waren zu viel. Die mußten weg. Das war schließlich nicht mein Problem.

Als ich 2 Tage später zurückkam, saß er auf dem Boden. Und das bei der Kälte! Er aß eine Currywurst und der Mantel war schon ganz schön dreckig. Auch seine Haare waren stark zerzaust. Himmel, was wäre, wenn er schon stinken würde? Ich hatte schon die Worte meiner Frau im Ohr: "Mit was für verlausten Subjekten hast Du Dich denn rumgetrieben?" Aber der Verrückte zog mich magisch an. Ich ging an einen Kiosk, bestellte mir eine Dose Bier und ging zu ihm. "400 Nasen. 401. 402. Schon 403 Nasen. 404 Naaaaaseeeeeen!" Ich stellte mich neben ihn und sagte beiläufig: "Hallo." Er sah mich an und schien froh zu sein. "Ja, Hallo, Sie haben ja tiefe Furchen im Gesicht, wohl vom Rasieren, was? Ich zähle 1 Falte, da! Eine 2. Falte, eine 3.!" Er hörte nicht auf. Es war amüsant. Es war besser als der Schrott im Fernsehen, den man sich jeden Abend reinquälte.
"Schonmal beim Fernsehen versucht?" fragte ich ihn grinsend. "Ein Zahn, 2 Zähne, 3 Zähne..." Ich schloß den Mund und fragte mich, ob eine normale Konversation möglich sein könnte. Aber er zählte fröhlich weiter. "Ich sehe ein Haar. Und ein zweites, ein drittes..." Jetzt wäre der Zeitpunkt gewesen, sich eine Tüte über den Kopf zu stülpen. Und nicht nur, damit er meine Haare nicht mehr zählen konnte, sondern auch, weil er lauter geworden war. Diverse Leute starrten uns an. So ein Mist! Einige erkannten mich, ich bin in der Nachbarschaft ja kein Unbekannter und auf Werbeplakaten schalte ich ja auch Werbung mit meinem Konterfei: Turbo-Rolf hat die besten Düsen, alles für Staubsauger UND Flugzeuge! Nun stand ich also neben diesem Spinner und alle starrten MICH an. Hey, war ich derjenige, der zählt? Haha, naja, in gewissem Sinne eher als dieser Irre, aber nicht im eigentlichen Sinne, Sie verstehen schon. Ich hielt also Abstand von dem Zahlenmann und ging nach Hause. Dort erwartete mich eine Art Standpauke meiner Frau, weil diverse Nachbarn ihr gesteckt hatten, ich hätte mich zum Horst gemacht, weil ich versucht hätte, mit einem Penner zu reden. "Wie sieht das denn aus? Was sollen denn die Leute denken?" schrie sie mich an. Ihr Gelaber ging mir voll am Arsch vorbei. Das zählte nicht. Haha. Verstehen Sie? Zählte nicht. Haha. Jaja, mit so kleinen Witzchen hält man sich bei Laune. Wenn sonst keiner lacht, tue ich's halt selbst.

Ich mied den Mann die folgenden 2 Wochen. Obwohl ich natürlich immer wieder einen Blick zu ihm warf. Ich fragte mich selbst die ganze Zeit: was ist so Scheiß-interessant an ihm, daß ich mich zu ihm hingezogen fühlte? Wurde ich auf meine alten Tage etwa schwul? Ach was, es war anders. Mehr ein Knistern, so wie in den Firmensitzungen. Es hatte etwas martialisches an sich. Krieg. Oder Familie. Naja, gehört ja sowieso zusammen.
Nach 2 Wochen konnte ich jedenfalls nicht an mich halten. Ich ging zu ihm hin und fragte ihn direkt, ob er mit mir einen Kaffee trinken gehen würde, ich würde auch zahlen. "Kann... 27 Kennzeichen... hier... 28, es sind 28 Kennzeichen,... nicht... 29, 30 Kennzeichen... weg!" Immerhin. Eine Unterhaltung schien möglich. Und er freute sich wie ein kleines Kind, weil die Zählung von Neuem anfangen konnte. "1 Handtasche, 2 Handtaschen..." Ich wollte unbedingt diesen Kreis durchstoßen.
"Ich bin Rolf und wie heißt Du?" fragte ich ihn. "7 Handtaschen. Dieter. 8 Handtaschen! Jaaaaa, 9! Also mein Name. 10, 11, 12 Handtaschen. Dieter." Ich nickte ihm zu als Zeichen des Verstehens. "Kann ich Dir irgendwie helfen?" Er nickte heftig, aber die Zählung wurde schneller. "Jaja, 25 Handtaschen, 26 Handtaschen, 27 Handtaschen, komm nachher wieder, 28, 29, 30 Handtaschen, ab 3 habe ich, 31, 32 Handtaschen, eine Stunde frei, 33, 34, 35 Handtaschen..."

Ich sah auf die Uhr, es waren noch 6 Stunden bis es 3 war. Gut, ging ich halt nach der Mittagspause hin. Der Scheißladen interessierte mich zur Zeit überhaupt nicht. Die Gewerkschaft drohte mit Streik, während ich darüber nachdachte, den Laden dicht zu machen und in Polen wieder aufzumachen. Das machte nun wahrlich keinen Spaß. Da hätte ich ja lieber einen direkten Faustkampf mit dem Betriebsrat gehabt. So ähnlich verliefen die Sitzungen auch. Ich war etwas lustlos und hörte nur mit halbem Ohr hin. Dieter war in meinem Kopf. Ich versuchte, dagegen anzukämpfen. Aber es klappte nicht. Der Wahnsinn schien sich in meinem Hirn auszubreiten. Ob ich wohl zu 'nem Psycho gehen sollte?

Um 3 war ich wieder dort, aber er war nicht da. Jedenfalls nicht an der üblichen Stelle. Er rief mir von der anderen Straßenseite aus zu. "Hallo! Hier! Ich Einer bin hier!" Tz, hatte er nicht gesagt, er hätte 'frei'? Vor allem: war das wirklich ein Job? Ich ging also rüber zu ihm und wir gaben uns die Hand. Er roch wirklich etwas streng, schien seit Wochen die gleiche Kleidung zu tragen.
"Eigentlich hatte ich ja an Kaffetrinken gedacht, aber was hältst Du von einem Klamotteneinkauf." fragte ich ihn. Seine Augen leuchteten und er sagte: "Liebend gern, einmal, zweimal, dreimal oder auch öfter." Während wir einkaufen gingen, sah er ständig auf seine Uhr. Sie schien mal teuer gewesen zu sein, aber nun hatte sie Sprünge auf der Oberseite. Er erzählte mir in kurzem Stakkato, daß er mal ein Haus in Amsterdam gehabt hätte, aber das sei schon lange her. Nun widme er sich den Zahlen. Er mache das aber nicht so ganz freiwillig. Ich fragte ihn, ob es ein Job ist, eine Performance, ob er was bezahlt bekommt. "Nur von den Leuten, einer oder 2 werfen mir auch mal 5er, 10er, oder auch andere Münzen zu, mal eine, mal zwei..." "Schon gut!" herrschte ich ihn an. "Das nervt!" Er lachte. "Hey, was denkst Du, wie sehr es mich nervt? Ich mache das schließlich nicht erst seit einem Tag oder zwei oder drei..."
Interessant war, daß aus ihm nicht viel rauszubekommen war, was die Zählerei betraf. Es war nur soviel: es machte ihm keinen Spaß, er stand unter einem Zwang, aber er wollte nicht darüber reden. Ich empfahl ihm einen Psychodoc, aber er meinte nur: "Es gibt nicht nur keinen einzigen, sondern auch keine 2 und keine 3 Psychiater, die zu mir an die Ecke kommen würden." Ich grinste und meinte nur: "Du kannst ja zu ihnen gehen." Er nahm das mit einem Achselzucken auf und sagte nur: "Das geht nicht. Ich muß an dieser einen Ecke stehen und an keiner Zweiten oder Dritten. Und meine freie Stunde ist mir zu schade dafür, ich habe schließlich nur eine und nicht zwei oder drei..." Ich platzte fast vor Wut: "Wenn Du jetzt frei hast, warum zählst Du dann immer noch?!" Er sah betreten zu Boden, sichtlich eingeschüchtert, weil ich ein wenig gebrüllt hatte. "Die Welt ist voller Mogelpackungen, man hat nie etwas, das 100%ig ist oder 110%ig oder 120%ig..." Schließlich starrte er zur Uhr und rannte raus. An seiner Ecke angekommen, fing die alte Leier an: "2 Einkaufstüten, 3 Einkaufstüten..." Er war mittlerweile heiser. Und es war 4 Uhr. Ich beschloß, ihn am nächsten Tag zu überlisten.

Natürlich klappte es erst 3 Tage später, weil ich die Streikenden mit Polizeigewalt aus der Firma treiben mußte. Ja, das sah wenigstens nach was aus. Einem der Arbeiter hatten sie 'nen Knüppel über den Kopf gezogen, daß das Blut nur so spritzte. Realität war deutlich besser als Reality-TV. Die Aussperrung war damit abgeschlossen und ich überlegte, wie wir die Düsen-Bestände schonmal nach Polen bringen konnten. Es gab ein paar Farbbeutel, als ich vor dem Lager stand, aber das kratzt einen heutzutage auch nicht mehr. Die können mich mal kreuzweise, da müssen sie schon Handgranaten werfen, um mich zu erschüttern.

Schließlich ging ich wieder zu Dieter. Auch der neue, dunkle Mantel war schon etwas ramponiert, so wie's aussah, schlief er auch darin. "202 grüne Augen, Hallo, 204 grüne Augen." Augen waren gut, das ließ ihm Luft, so viel grüne Augen gab's glücklicherweise nicht. Pünktlich um 3 sackte er etwas zusammen und atmete tief aus. "Uff, Pause." sagte er. Wir schlenderten gemütlich in Richtung meines Wagens, während er mir erzählte, was er früher so gemacht hatte. "Ja, ich hatte eine Yacht an der Côte d'Azur, keine 2 oder 3 und natürlich 100e Frauen, Tausende, fast Millionen..." Er mußte lachen. Er erzählte vom ausschweifenden Leben eines Snobs. Verachtenswert. Das ganze Geld kam von Papi, er hatte nie wirklich arbeiten müssen.
Bei meinem Auto angekommen, machte ich die Tür auf. "Steig ein." Angst erfüllte sein Gesicht. "Werden wir es bis 4 zurückgeschafft haben?" Ich log ihn an. "Natürlich." In Wahrheit hatte ich das gar nicht vor. Als wir losfuhren, war ich schnell auf der Autobahn. Ich sah auf die Tankuhr und die Vorbereitungen waren prächtig. Damit kam ich in einer halben Stunde gut 80 Kilometer weit und dann müßte der Tank alle sein. Ich wollte mich an seinem Inferno weiden und vielleicht heilte es ihn ja. Flugangst kriegt man auch nur dadurch weg, daß man um die Welt fliegt. Der Sprung ins kalte Wasser. Er wurde immer unruhiger und zählte mittendrin schon wieder leise vor sich hin: "311 Autos, 312 Autos, 313 Autos..." "Ich denke, Du hast frei?" sagte ich schmunzelnd zu ihm. "Du hast ja keine...320, 321... Ahnung!" Schließlich kam es zum Showdown. Der Tank war alle und der Wagen rollte aus. "Huch!" heuchelte ich. "Da habe ich ja glatt vergessen, zu tanken!" Er wollte die Tür aufreißen, aber die Türkontrolle lag in meiner Hand. Allerdings entglitt mir die Situation. Er drehte total durch. "WENN ICH UM 4 NICHT ZURÜCK BIN UND NICHT UM 5 UND AUCH NICHT UM 6, DANN KRIEGE ICH SCHEISS VIEL PROBLEME!" schrie er mich förmlich an. Ich grinste und sagte: "Noch mehr Probleme als mit Deinem Zähl-Leben? Geht das denn?" Er fing an, auf mich einzuprügeln. "EIN SCHLAG, 2 SCHLÄGE!" schrie er. Überwältigt von seiner schieren Kraft ließ ich ihn raus. Ich hatte nicht gewußt, was auf mich zukommen würde, aber irgendwas mußte ich wohl erwartet haben. Sonst hätte ich diese Tour ja nicht gemacht. Trotzdem war es sehr heftig. Er rannte einfach los. Da kam ich nicht hinterher, ich hatte ewig kein Fitneßcenter mehr von innen gesehen.
Außerdem rannte er querfeldein, wahrscheinlich wie von einem Kompaß angezogen zu seiner Straßenecke, da hätte ich mir nur meine teuren Lederschuhe zerstört. Ich tankte also mit dem Reservekanister den Wagen nach und fuhr nach Hause. Seine Ecke war natürlich leer, es war klar, daß er es zu Fuß nicht so schnell schaffen konnte.

Am nächsten Tag stand er wieder da. Wenn ich zu ihm hinüberblickte und er mich sah, dann schaute er grimmig weg. Er zählte natürlich weiter, eifriger denn je. Er war mittlerweile total heiser und hatte Ringe unter den Augen. Um 3 stand ich wieder vor ihm, aber er hörte nicht auf zu zählen. Er schaffte es nicht einmal, normale Worte dazwischen zu bringen. Oder er wollte es einfach nicht.
Als ich abends wiederkam, stand er immer noch da und zählte. Ich setzte mich ins Café gegenüber und wartete, bis er müde wurde. Was nicht passierte. Ich wachte irgendwann auf und sah einen großen Kaffeefleck auf meiner Jacke.
Es war 5 Uhr morgens und man hatte mich wachgerüttelt um mich rauszuwerfen. Er war immer noch da und zählte. "Hat er geschlafen?" fragte ich die Barfrau. Sie sah mich mit einem abschätzigen Blick an und zuckte nur die Schultern. Draußen fragte ich einen Busfahrer, der Pause hatte. "Hat er geschlafen?" Wieder Schulterzucken. In irgendeiner Nacht hatte ich ihn mal auf seinem Platz liegen sehen, wie er geschlafen hatte. Aber sein eingebildeter Zwang schien ihn bestrafen zu wollen, weil er zu lange weg gewesen war. Echt komplett durchgeknallt, dieser Dieter. Mir fiel ein lustiges Wortspiel ein und ich beschloß, hinzugehen, und es an ihm auszuprobieren. Ich baute mich vor ihm auf und sagte: "Du bist alles, was zählt!" Eine Träne rann seine Wange herunter und er hörte auf zu zählen. Ein Lachen kam aus seinem Hals, es schien, als wäre das ganze Gewicht dieser Welt von seinen Schultern abgefallen. Ich stimmte mit ein in sein Lachen, denn der Satz war wirklich witzig. Und er paßte sehr schön.
Schließlich hörte er auf zu lachen und sagte: "Ich habe so lange darauf gewartet. Endlich. ICH BIN FREI!" schrie er. Ich begriff zuerst gar nicht. Aber dann dämmerte es mir. "Es ist ein Fluch." sagte er. "Nun wirst Du auf jemanden warten müssen, der diesen Satz sagt. Du selbst darfst ihn nicht mehr sagen, sonst gehst Du dran kaputt. Ach ja, Deine freie Stunde hat mit dieser Sekunde angefangen. Gehst Du zu weit weg, wird Dich der Fluch bestrafen, Du wirst einige Zeit nicht schlafen können und auch keine freien Stunden bekommen. Du darfst niemandem etwas über den Fluch sagen, sonst wirst Du ihn nie wieder los, das wäre Dein Todesurteil. Noch Fragen?"
Mir lief es kalt den Rücken runter. Toll. Meine freie Stunde um 5:30 morgens, wenn kaum Geschäfte auf hatten. Zahlen spukten in meinem Kopf rum, aber ich unterdrückte den Drang, sie aufzuzählen. "Du wirst sehen, jedes Aufzählen gibt Dir Befriedigung, und jedes Unterdrücken der Aufzählung wird Dich Kraft kosten." "Wenn es Dich befriedigt hat, wieso hast Du dann sehnsüchtig auf Ablösung gewartet?" Dieter lachte und sagte: "Jeden Tag Champagner hängt einem schnell zum Hals raus." Ich verstand. Er griff in meine Tasche und nahm meinen Autoschlüssel raus. "Den brauchst Du über lange Zeit nicht mehr." Dann ging er weg. Ich habe ihn nie mehr wieder gesehen.

Meine Frau kam heute vorbei und schrie mich an. Ich sagte nur: "Ein Schreihals, 2 Schreihälse, 3 Schreihälse..." und zeigte dabei auf Frauen mit Kinderwagen. Der Platz neben dem U-Bahn-Eingang war wirklich optimal, hier konnte man immer zählen und zählen. Es war wie unendlicher Sex. Sie sprach von Scheidung, aber das war mir egal. Ein bißchen durchzuckte es mich schon, wenn ich gegenüber auf der Video-Leinwand in den News sah, daß die Firma Turbo-Rolf Konkurs angemeldet hatte. Aber das war irrelevant, ich mußte mich um Zählbares kümmern, sonst macht das ja keiner.
Sie fragen sich jetzt sicherlich: warum hat er das alles aufgeschrieben? Noch dazu in seiner freien Zeit? Diese Zeilen habe ich niedergeschrieben, falls ich doch irgendwann mal nicht mehr zählen will, wie Dieter. Ich darf laut Definition ja niemandem SAGEN, was los ist, aber AUFGESCHRIEBEN ist es vielleicht erlaubt? Ich weiß es nicht. Ob mich dann jemand ablösen würde, glaube ich zwar nicht, aber es gibt einem ein wenig Hoffnung.
Es hilft mir, in meiner freien Zeit darüber zu reflektieren, wie es dazu gekommen ist, daß ich jetzt an dieser Stelle stehe. Momentan empfinde ich meine freien Stunden allerdings eher als Freß-Stunden, also doch etwas lästig. Da ist mir mein Lieblingsplatz doch deutlich näher. Die Leute gucken komisch, wenn sie vorbeigehen, aber das interessiert mich nicht die Bohne. Vielleicht sollte ich mir mal wieder einen neuen Anzug leisten? Oder gleich 2? Oder 3? Haha.

Letztlich habe ich es doch noch geschafft:

Ich bin alles, was zählt auf dieser Welt!



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(seit 13. November 2005)