Als es klingelte, waren sie immer noch am schlafen. Ole stand auf, schnappte sich seinen Körperverhüller und schaltete ihn noch beim Gang zur Tür an. "Jaja, ich komme ja schon..." rief er leicht schlaftrunken, als es schon wieder klingelte. Als er auf den Monitor sah, wußte er, daß der Tag kein guter Tag werden würde, denn draußen stand ein Informationsagent.
Als Ole aufmachte, zeigte der Agent ihm seine Einlaßerlaubnis und Ole
mußte ihn wohl oder übel reinlassen. Der Agent fing auch prompt an zu
reden: "Hallo Herr Illgner, wir haben uns ja schon lange nicht mehr
gesehen ! Wie geht es Ihnen ?" Ole betrachtete das Gesicht, das gleich
mit seiner Schleimkunst über ihn herfallen würde, mit einem gewissen
Ekel. "Sie wissen ja, wir sind von der Regierung eingesetzt, um Ihnen
beizustehen, Ihnen Hilfen anzubieten..." plapperte der Agent, von dem
Ole den Namen vergessen hatte, weiter. "Fangen wir doch gleich an: gibt
es aktuelle Probleme ?" Am liebsten hätte Ole gesagt: 'Ja, mit Dir, Du
Sau !' Aber das konnte ihn in ungeahnte Probleme bringen, die Vollmachten
des Agenten waren weitreichend. "Wie läuft's denn so auf der Arbeit ?
Woran arbeiten Sie gerade ?" fragte der Info-Agent. Ole wußte, daß er
jetzt pingelig genau sein mußte. Schon die kleinste Abweichung brachte
ihm Negativpunkte. Der Agent ging natürlich auch zu Oles Arbeitgeber
und quetschte diesen dann ebenfalls aus. Ole hatte aber diesen Monat
schon 3 Negativpunkte kassiert. Diese Anzahl galt zwar als wenig,
aber ab 5 Punkten kam man in den Geruch eines "Staatslügners". Das hatte
zur Folge, daß die Steuer um einige Prozent anstieg, weil dem Staat
ja durch Lügen Geld entgeht. Er wollte die 2 ausstehenden Punkte unbedingt
vermeiden.
"Ich mache die neuesten Statik-Pläne für den Wiederaufbau des
Flughafens Neu-Amsterdam." Der Agent lächelte. "Das hatten Sie mir letztes
Mal schon erzählt, wie ich in meinen Aufzeichnungen sehe. Aber ich hätte
schon gerne präzisere Angaben über das Projekt. Sie wissen doch, wieviel
von den Sicherheitsvorkehrungen abhängt, damit das nicht nochmal passiert ?"
Ole wollte gerade etwas Ausweichendes antworten, als Nanny den Raum betrat.
Sie trug ebenfalls nur den angeschalteten Körperverhüller, der nur ihren Kopf
im Bild stehen ließ. Unterhalb des Kopfes wurde alles transparent dargestellt,
man konnte die Fensterbänke unter ihrem Kopf sehen.
"Sie glauben also wirklich, sie könnten sowas
in Zukunft verhindern ?" fragte sie. Ole zuckte zusammen, denn die
Frage hatte etwas Ketzerisches. Er sah schon wieder 2 Punkte davonfliegen.
Der Agent betrachtete sie mit einem Lächeln und sagte: "Natürlich ist
mir und allen klar, daß wir sowas nicht völlig verhindern können, aber
wir können versuchen, es so schwierig wie möglich zu machen. Und das
ist der Grund für meine Arbeit." Sie sah ihn mit ihrem typisch
abwertenden Blick an. Ole fing sich sofort wieder. "Natürlich haben
Sie vollkommen Recht, aber die Frage ist, wo Ihre Informationspolitik
an sich Projekte gefährden könnte. Stellen Sie sich vor, jemand bricht
in die Datenbank Ihrer Aufzeichnungen ein. Es wäre ein Leichtes für
ihn, rauszufinden, daß Leute wie ich mit bei den Aufbauarbeiten
helfen und dann könnte er mich vielleicht erpressen. Oder kaufen. Insofern
könnte auch Ihre Arbeit dazu beitragen, daß es wieder passiert."
Der Agent sah ihn nachdenklich an. Nanny setzte an Oles Worten an, bevor
der Agent zu Wort kommen konnte: "Bedenken Sie auch, wieviel Frust
Sie anderen Leuten aufhalsen durch Ihre Besuche. Viele wollen
ausschlafen, oder wegfahren. Sie können das aber nicht, weil Sie
das verhindern durch Ihre permanenten Besuche. Glauben Sie nicht,
daß dieser Frust die Motivation zur Auskunft behindert ? Oder
schlimmer noch, die Leute in die Hände der anderen Seite spielt ?"
Der Agent lächelte wieder. "Ihre Bedenken sind sicherlich richtig, aber
wir alle wollen doch nicht, daß so etwas wieder passiert, oder ? Es
ist richtig, daß das, was ich tue, viele Menschen verärgert. Ja, wir
schränken persönliche Freiheiten ein, aber damit verteidigen wir
doch Ihr Leben ! Und unsere Datenbanken sind mehrfach gesichert,
verschlüsselt usw. Da käme niemand ran." Ole hakte nach: "Und wenn Sie
in Wirklichkeit gar kein Info-Agent sind, sondern ein Klon der
Gegenseite, der einfach nur den Platz des Agenten eingenommen hat ?"
Der Agent sah ihn erschrocken an: "Sie kennen mich jetzt schon 4 Monate,
da hätten Ihnen doch Unterschiede auffallen müssen !" Nanny legte
noch einen drauf: "Und wenn Sie von Anfang an von der Gegenseite waren ?"
Der Agent stotterte: "Aber dann wäre doch bestimmt schon etwas passiert..."
Jetzt fing Ole an zu lächeln: "Die Planungen für die letzten Taten sollen
mehr als 6 Jahre gedauert haben, bis es endlich zur Ausführung kam."
Der Agent zitterte. Nanny sagte: "Wir haben bisher noch gar keine
Erkundigungen beim Ministerium für Information eingezogen, ob
Sie überhaupt derjenige sind, für den Sie sich ausgeben. Am besten,
wir bestehen auf einer Persönlichkeitsüberprüfung, vielleicht sind Sie
ja auch korrumpiert worden." Schweiß trat auf der Stirn des
Agenten hervor. Ole lehnte sich zurück und meinte: "Wir könnten aber
auch anders vorgehen." Der Agent blickte ihn fragend an, während er
zwinkerte, weil ihm ein Schweißtropfen ins Auge gelaufen war. "Was
meinen Sie ?" Ole grinste breit: "Nun, wir sind sicherlich keine
Weltfeinde, aber wir gehören zu der Sorte, die von Ihren Besuchen
sehr genervt ist. Die Schnüffelei, die aufgesetzte Höflichkeit,
die Drohungen, all das. Wir könnten unsere Haltung überdenken,
wenn Sie einfach gar nicht mehr kommen und sich etwas ausdenken."
Der Agent reagierte bestürzt. "Sie meinen, ich soll für Sie lügen ???"
brachte er laut hervor. Nanny setzte sich neben ihn. "Was für
ein unschönes Wort. Wir ersparen Ihnen Ärger und Sie uns. Ein Geschäft."
"Und wenn Sie in Wirklichkeit doch auf der anderen Seite stehen ?"
Ole lächelte. "Wenn wir Sie bis jetzt getäuscht hätten, könnten
wir das auch weiterhin. Es würde sich also nichts ändern." Der
Info-Agent dachte nach. "Gut. Dann denke ich, werde ich mich beugen."
Er verließ die Wohnung und man hörte draußen den summenden Motor eines Grav-Hovers anspringen. Nachdem er weit genug geflogen war, sagte Nanny zu Ole: "Das war ja fast leichter als ich dachte. Diese Netz-Tips, um die Ratten loszuwerden, sind wirklich fantastisch. Ich geh wieder ins Bett. Kommst Du auch ?" Ole streckte sich und meinte: "Nein, ich muß noch ein bißchen am Modell vom Flughafen arbeiten."
Nach einer halben Stunde hatte er sich vergewissert, daß Nanny eingeschlafen war und ging zum Video-Phon. Er stellte den Bildschirm aus und schaltete der Crypter an. "Der Agent, der eben hier war, könnte ein Verräter sein." "Sind Sie sicher ?" Ole schnalzte mit der Zunge. "Nein, aber er ließ sich mit den Standarddrohungen, die man im Internet findet, einschüchtern und zu einem Deal bewegen." Die Stimme am anderen Ende stieß einen Seufzer des Erstaunens aus. "Wir werden uns drum kümmern. Ende."
Ole mußte immer noch drüber nachdenken, ob er das Richtige tat. Wahrscheinlich
werden sie ihm keinen neuen Info-Agenten schicken, damit Nanny keinen
Verdacht schöpft. Nichtsdestotrotz hatte er sich darauf eingelasssen,
sogar sie zu belügen. Er hatte immer noch die Bilder vor Augen. Atompilz
über Amsterdam. Die Zeitungen voll mit den Berichten über einen Piloten, der
mit einem Verkehrsflugzeug landete und die gefährliche Fracht zündete.
Gleichzeitig die selben Maßnahmen in den USA, in England, in Deutschland und
auch noch außerhalb Europas. 7 Flughäfen inklusive ihrer Städte wurden
dem Erdboden gleichgemacht.
Ganz klar: er war moralisch im Recht, denn danach mußte man einfach
helfen, damit sowas nicht wieder passiert. Das Leben mußte verteidigt
werden. Und die Freiheit. Nanny wäre mit dieser Sicht nicht
einverstanden gewesen. Sie bestand immer darauf, daß das Leben ohne
Freiheit keinen Wert hatte. Ole fand, daß Freiheit hinter Sicherheit
zurückstehen müsse. Aber vielleicht war sie längst auf der anderen
Seite ?
Er würde sie in den nächsten Tagen zur Generalüberprüfung
vorschlagen. Und 2 Monate Verhöre waren ja kein Beinbruch. Danach
wäre er sich sicher. Er mußte einfach sicher sein.
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