Sicher ist Unsicher

von Udo Wolter
© 2002 (Erstveröffentlichung)

Als es klingelte, waren sie immer noch am schlafen. Ole stand auf, schnappte sich seinen Körperverhüller und schaltete ihn noch beim Gang zur Tür an. "Jaja, ich komme ja schon..." rief er leicht schlaftrunken, als es schon wieder klingelte. Als er auf den Monitor sah, wußte er, daß der Tag kein guter Tag werden würde, denn draußen stand ein Informationsagent.

Als Ole aufmachte, zeigte der Agent ihm seine Einlaßerlaubnis und Ole mußte ihn wohl oder übel reinlassen. Der Agent fing auch prompt an zu reden: "Hallo Herr Illgner, wir haben uns ja schon lange nicht mehr gesehen ! Wie geht es Ihnen ?" Ole betrachtete das Gesicht, das gleich mit seiner Schleimkunst über ihn herfallen würde, mit einem gewissen Ekel. "Sie wissen ja, wir sind von der Regierung eingesetzt, um Ihnen beizustehen, Ihnen Hilfen anzubieten..." plapperte der Agent, von dem Ole den Namen vergessen hatte, weiter. "Fangen wir doch gleich an: gibt es aktuelle Probleme ?" Am liebsten hätte Ole gesagt: 'Ja, mit Dir, Du Sau !' Aber das konnte ihn in ungeahnte Probleme bringen, die Vollmachten des Agenten waren weitreichend. "Wie läuft's denn so auf der Arbeit ? Woran arbeiten Sie gerade ?" fragte der Info-Agent. Ole wußte, daß er jetzt pingelig genau sein mußte. Schon die kleinste Abweichung brachte ihm Negativpunkte. Der Agent ging natürlich auch zu Oles Arbeitgeber und quetschte diesen dann ebenfalls aus. Ole hatte aber diesen Monat schon 3 Negativpunkte kassiert. Diese Anzahl galt zwar als wenig, aber ab 5 Punkten kam man in den Geruch eines "Staatslügners". Das hatte zur Folge, daß die Steuer um einige Prozent anstieg, weil dem Staat ja durch Lügen Geld entgeht. Er wollte die 2 ausstehenden Punkte unbedingt vermeiden.
"Ich mache die neuesten Statik-Pläne für den Wiederaufbau des Flughafens Neu-Amsterdam." Der Agent lächelte. "Das hatten Sie mir letztes Mal schon erzählt, wie ich in meinen Aufzeichnungen sehe. Aber ich hätte schon gerne präzisere Angaben über das Projekt. Sie wissen doch, wieviel von den Sicherheitsvorkehrungen abhängt, damit das nicht nochmal passiert ?"
Ole wollte gerade etwas Ausweichendes antworten, als Nanny den Raum betrat. Sie trug ebenfalls nur den angeschalteten Körperverhüller, der nur ihren Kopf im Bild stehen ließ. Unterhalb des Kopfes wurde alles transparent dargestellt, man konnte die Fensterbänke unter ihrem Kopf sehen.
"Sie glauben also wirklich, sie könnten sowas in Zukunft verhindern ?" fragte sie. Ole zuckte zusammen, denn die Frage hatte etwas Ketzerisches. Er sah schon wieder 2 Punkte davonfliegen. Der Agent betrachtete sie mit einem Lächeln und sagte: "Natürlich ist mir und allen klar, daß wir sowas nicht völlig verhindern können, aber wir können versuchen, es so schwierig wie möglich zu machen. Und das ist der Grund für meine Arbeit." Sie sah ihn mit ihrem typisch abwertenden Blick an. Ole fing sich sofort wieder. "Natürlich haben Sie vollkommen Recht, aber die Frage ist, wo Ihre Informationspolitik an sich Projekte gefährden könnte. Stellen Sie sich vor, jemand bricht in die Datenbank Ihrer Aufzeichnungen ein. Es wäre ein Leichtes für ihn, rauszufinden, daß Leute wie ich mit bei den Aufbauarbeiten helfen und dann könnte er mich vielleicht erpressen. Oder kaufen. Insofern könnte auch Ihre Arbeit dazu beitragen, daß es wieder passiert."

Der Agent sah ihn nachdenklich an. Nanny setzte an Oles Worten an, bevor der Agent zu Wort kommen konnte: "Bedenken Sie auch, wieviel Frust Sie anderen Leuten aufhalsen durch Ihre Besuche. Viele wollen ausschlafen, oder wegfahren. Sie können das aber nicht, weil Sie das verhindern durch Ihre permanenten Besuche. Glauben Sie nicht, daß dieser Frust die Motivation zur Auskunft behindert ? Oder schlimmer noch, die Leute in die Hände der anderen Seite spielt ?" Der Agent lächelte wieder. "Ihre Bedenken sind sicherlich richtig, aber wir alle wollen doch nicht, daß so etwas wieder passiert, oder ? Es ist richtig, daß das, was ich tue, viele Menschen verärgert. Ja, wir schränken persönliche Freiheiten ein, aber damit verteidigen wir doch Ihr Leben ! Und unsere Datenbanken sind mehrfach gesichert, verschlüsselt usw. Da käme niemand ran." Ole hakte nach: "Und wenn Sie in Wirklichkeit gar kein Info-Agent sind, sondern ein Klon der Gegenseite, der einfach nur den Platz des Agenten eingenommen hat ?" Der Agent sah ihn erschrocken an: "Sie kennen mich jetzt schon 4 Monate, da hätten Ihnen doch Unterschiede auffallen müssen !" Nanny legte noch einen drauf: "Und wenn Sie von Anfang an von der Gegenseite waren ?" Der Agent stotterte: "Aber dann wäre doch bestimmt schon etwas passiert..." Jetzt fing Ole an zu lächeln: "Die Planungen für die letzten Taten sollen mehr als 6 Jahre gedauert haben, bis es endlich zur Ausführung kam."
Der Agent zitterte. Nanny sagte: "Wir haben bisher noch gar keine Erkundigungen beim Ministerium für Information eingezogen, ob Sie überhaupt derjenige sind, für den Sie sich ausgeben. Am besten, wir bestehen auf einer Persönlichkeitsüberprüfung, vielleicht sind Sie ja auch korrumpiert worden." Schweiß trat auf der Stirn des Agenten hervor. Ole lehnte sich zurück und meinte: "Wir könnten aber auch anders vorgehen." Der Agent blickte ihn fragend an, während er zwinkerte, weil ihm ein Schweißtropfen ins Auge gelaufen war. "Was meinen Sie ?" Ole grinste breit: "Nun, wir sind sicherlich keine Weltfeinde, aber wir gehören zu der Sorte, die von Ihren Besuchen sehr genervt ist. Die Schnüffelei, die aufgesetzte Höflichkeit, die Drohungen, all das. Wir könnten unsere Haltung überdenken, wenn Sie einfach gar nicht mehr kommen und sich etwas ausdenken." Der Agent reagierte bestürzt. "Sie meinen, ich soll für Sie lügen ???" brachte er laut hervor. Nanny setzte sich neben ihn. "Was für ein unschönes Wort. Wir ersparen Ihnen Ärger und Sie uns. Ein Geschäft." "Und wenn Sie in Wirklichkeit doch auf der anderen Seite stehen ?" Ole lächelte. "Wenn wir Sie bis jetzt getäuscht hätten, könnten wir das auch weiterhin. Es würde sich also nichts ändern." Der Info-Agent dachte nach. "Gut. Dann denke ich, werde ich mich beugen."

Er verließ die Wohnung und man hörte draußen den summenden Motor eines Grav-Hovers anspringen. Nachdem er weit genug geflogen war, sagte Nanny zu Ole: "Das war ja fast leichter als ich dachte. Diese Netz-Tips, um die Ratten loszuwerden, sind wirklich fantastisch. Ich geh wieder ins Bett. Kommst Du auch ?" Ole streckte sich und meinte: "Nein, ich muß noch ein bißchen am Modell vom Flughafen arbeiten."

Nach einer halben Stunde hatte er sich vergewissert, daß Nanny eingeschlafen war und ging zum Video-Phon. Er stellte den Bildschirm aus und schaltete der Crypter an. "Der Agent, der eben hier war, könnte ein Verräter sein." "Sind Sie sicher ?" Ole schnalzte mit der Zunge. "Nein, aber er ließ sich mit den Standarddrohungen, die man im Internet findet, einschüchtern und zu einem Deal bewegen." Die Stimme am anderen Ende stieß einen Seufzer des Erstaunens aus. "Wir werden uns drum kümmern. Ende."

Ole mußte immer noch drüber nachdenken, ob er das Richtige tat. Wahrscheinlich werden sie ihm keinen neuen Info-Agenten schicken, damit Nanny keinen Verdacht schöpft. Nichtsdestotrotz hatte er sich darauf eingelasssen, sogar sie zu belügen. Er hatte immer noch die Bilder vor Augen. Atompilz über Amsterdam. Die Zeitungen voll mit den Berichten über einen Piloten, der mit einem Verkehrsflugzeug landete und die gefährliche Fracht zündete. Gleichzeitig die selben Maßnahmen in den USA, in England, in Deutschland und auch noch außerhalb Europas. 7 Flughäfen inklusive ihrer Städte wurden dem Erdboden gleichgemacht. Ganz klar: er war moralisch im Recht, denn danach mußte man einfach helfen, damit sowas nicht wieder passiert. Das Leben mußte verteidigt werden. Und die Freiheit. Nanny wäre mit dieser Sicht nicht einverstanden gewesen. Sie bestand immer darauf, daß das Leben ohne Freiheit keinen Wert hatte. Ole fand, daß Freiheit hinter Sicherheit zurückstehen müsse. Aber vielleicht war sie längst auf der anderen Seite ?
Er würde sie in den nächsten Tagen zur Generalüberprüfung vorschlagen. Und 2 Monate Verhöre waren ja kein Beinbruch. Danach wäre er sich sicher. Er mußte einfach sicher sein.



!!! COPYRIGHTHINWEIS !!!

Meine Urheberrechte bleiben gewahrt.
Die nachfolgenden Bedingungen sind lediglich erweiterte Nutzungsrechte!

Creative Commons License

Dieses Werk ist geschützt durch die Creative Commons License.

!!! KEINE KOMMERZIELLE NUTZUNG !!!


Besucher auf der Seite:
(seit 13. Januar 2002)