1. Tag
Es begann im Sommer. Ein warmer Sommertag und der Müll stank zum Himmel.
Er konnte die Viecher eigentlich noch nie leiden. Nun saßen wieder 2 Knopfaugen
in der Tonne und starrten ihn an. "Weg mit Dir, Du Mistvieh !" brüllte er.
Die Ratte quiekte und sprang aus der Tonne direkt auf seinen Fuß. Er merkte
durch den großen Druck, was für ein gut genährtes Tier es war. "Hau ab !
Ksch !" Er schüttelte sein Bein und die Ratte war verschwunden.
10. Tag
Der letzte Vorfall war eigentlich schon vergessen. Als er von der Arbeit kam,
dachte er jedenfalls nur daran, sich ein Bier zu holen und sich das Spiel
anzugucken. Kalle würde auch noch kommen. Aber zuerst zum Klo, es war
wirklich dringend. Nach dem Öffnen des Klodeckels traf ihn fast der Schlag.
Eine weiße Ratte starrte ihm aus dem Wasser entgegen. Das konnte doch nicht
sein ! Wie kann so ein Tier bis in den 4. Stock kommen ? Er beschloß jedenfalls,
ihr in die Augen zu pinkeln, was die Ratte mit einem schmerzerfüllten Quieken
honorierte, bevor sie untertauchte. Zuerst mußte er lachen. Dann aber dachte
er sich, er wird morgen dem Hausmeister mal die Leviten lesen.
18. Tag
Nach dem Aufwachen sah er sie wieder. Seit Tagen wurde er das Gefühl nicht
los, als würden sie ihn beobachten. Kalle hatte noch gespottet, er würde
wohl den Verstand verlieren. Aber er war sicher. Er hatte eben noch die kleinen
Augen vorbeihuschen sehen. Auf der Arbeit war er so dermaßen unkonzentriert,
daß sein Chef ihn nach Hause schickte. "Nehmen Sie mal 'ne Mütze Schlaf,
Sie sehen furchtbar aus !" Zu Hause lag er im Bett und konnte nicht schlafen.
Als er die Decke anstarrte, merkte er eine Bewegung an seinem rechten Arm.
Er sah langsam am Arm runter und sah eine Ratte, wie sie ihren Rücken an seinem
Arm rieb. Was sollte denn das ? Und warum hatte sie keine Angst ? Er nahm
die Ratte in die Hand und sprach zu ihr als wenn sie ihn verstehen könnte:
"Was machst Du da ? Wollt ihr mich fertigmachen ?" Zu seinem Erstaunen
stellte er fest, daß die Ratte eingeschlafen war.
25. Tag
Seit Tagen gingen ihm die Tiere nicht aus dem Kopf. Zuerst hatte er ja doch
etwas Angst gehabt. Aber mittlerweile hatte er sich nicht nur an sie
gewöhnt, er vermißte sie geradezu tagsüber, wenn er zur Arbeit ging.
Abends spielte er stundenlang mit ihnen. Er dressierte sie, sie machten
Kunststückchen, Handstand mit 10 Ratten übereinander. Es war schier unglaublich,
sie schienen ihm zu gehorchen ! Einmal hatten sich 2 Ratten einen Beißkampf
geliefert. Jeder Biß, den eine Ratte der anderen zufügte tat ihm weh. Nicht
etwa psychisch sondern physisch. Sein ganzer Körper zuckte und schmerzte.
Er fuhr also dazwischen und die Schmerzen ließen nach. Er beschloß, immer
eine von ihnen (wieviel waren es überhaupt ? 100 ? 1000 ? Er hatte den
Überblick verloren...) mit zur Arbeit zu nehmen.
28. Tag
Der lausigste Tag des Jahres. Natürlich mußten sie irgendwann die Ratte
bemerken. Der Rauswurf kam prompt. Sogar mit dem Hinweis auf einen Psychiater,
nach einer Therapie könne man ja nochmal über alles reden. Kalle verstand ihn
auch nicht und legte sofort, nachdem er seinen Namen nannte, wieder auf.
Von was sollte er leben ? Er dämmerte vor sich hin und überlegte angestrengt,
welcher Job wohl mit Ratte durchführbar war. Wenn er nichts fand, würde er
die Wohnung und damit seine neuen Freunde aufgeben müssen. Er sah im Zimmer
umher. 1000 Augen, oder sogar noch mehr, starrten ihn an. Als warteten sie
auf sein Kommando. Und er gab es: "Holt mir ein Schnitzel vom Supermarkt !"
Sie sahen einander an, dann gingen die Ratten in eine Ecke des Raums und
tuschelten scheinbar untereinander. Ein paar Minuten später strömten sie wie
wild los. 30 Minuten später kamen sie mit 50 Schnitzel wieder. Er war tief
beeindruckt. "Aber eins hätte mir doch völlig gereicht..." stammelte er
verwundert.
33. Tag
Sie ernährten ihn gut. Er bekam alles, was er brauchte. Essen, Getränke (er
hätte zu gerne gesehen, wie sie kistenweise Getränke aus den Supermärkten
klauen). Aber sie ließen ihn nicht mehr raus. Er wurde bemuttert bis
ihm schlecht wurde. Sie holten ihm sogar Geld (woher auch immer), damit
konnte er per Nachnahme Produkte aus Katalogen bestellen (er war nicht
mehr kreditwürdig, seitdem er gefeuert wurde). Sie lebten im totalen
Luxus. Seine neuen Freunde sahen sich das Spiel mit ihm an. Das war
viel besser als mit Kalle, ständig stand ein kaltes Bier neben seinem Bett.
Die Chipstüte war praktisch auch nie leer. Manchmal hatte er irrsinnige
Schmerzen, wogegen nur starke Schmerzmittel halfen. Er sah bei diesen Schmerz-
anfällen immer das Bild von sterbenden Ratten. Mal wurden sie überfahren,
mal mit Messern erstochen, mal zertreten. Oft stand auch in der Zeitung, daß
eine Straßenbahn wegen Ratten entgleist war. Das waren Schmerzen ! Über 100
seiner Freunde qualvoll zerquetscht, als würde man ihm die Hand zerdrücken !
35. Tag
Im Fernsehen wurde ein Beitrag gezeigt, in dem Ratten Produkte aus einem
Supermarkt entwendeten. Darüber gab es große Aufregung. Die Brut müsse
man ausräuchern, wo man sie findet ! Aber am lustigsten war, als er endlich
mal sehen konnte, wie gekonnt ein Kasten Bier von Ratten davongeschleppt
wurde. Er hätte sich beinahe krank lachen können darüber. In einer anderen
Sendung nahm er den Beitrag auf Video auf und sah ihn sich immer wieder,
brüllend vor Lachen, an. Dann las er in der Zeitung, daß es eine Kommission
bei der Polizei gäbe, die sich mit dem Ratten-Problem beschäftigen würde.
Das gefiel ihm gar nicht. "Wir müssen diese Typen kaltstellen bevor sie
uns finden !" verkündete er. Seine "Armee" ballte sich zu einem Haufen zusammen
und beratschlagte über eine Stunde. Aber dann ging es los. Sie strömten zu
Tausenden aus der Wohnung. Er wußte gar nicht, wo sich so viele seiner Freunde
überhaupt die ganze Zeit aufgehalten hatten.
36. Tag
Schlagzeile: "15 tote Beamte der SEK Ratte !" Im Fernsehen berichteten sie
über die seltsamen Tode etwas ausführlicher. Es sah alles nach Unfällen aus,
aber nur auf den ersten Blick. Einer soll beim Baden ertrunken sein. Er
hatte nur leider seine Uniform an und kein Wasser in der Lunge, folglich
mußte er schon eher erstickt sein. Eine andere Beamtin hatte aufgeschlitzte
Pulsadern. Aber trotzdem hatte sie einen blauen Hals und weiße Haare im Mund.
Ein weiterer Polizist war scheinbar eine Treppe runtergefallen.
15 Stockwerke ! Er war sauer. "Das muß besser werden ! So kriegen sie uns
noch ! Morgen macht ihr das professioneller !"
37. Tag
Schlagzeile: "12 Polizeiautos ineinandergekracht ! Keine Überlebenden !"
Das klang schon besser. So mochte er das. Voller Zufriedenheit dachte er
daran, daß die Akten der SEK Ratte hier bei ihm lagen. Er hatte darin
geblättert und war erstaunt gewesen, wie dicht sie ihnen schon auf den
Fersen waren. Aber jetzt wohl nicht mehr. Zur Freude über diesen Triumph
feierte er mit seinen Freunden und viel Bier und Korn. Letzteren
brauchte er für die Schmerzen, denn bei der Operation hatte es bestimmt
500 tote und verletzte "Soldaten" gegeben. Gegen Mitternacht schlief
er zufrieden ein, während rund um ihn rum ein süßes Schurren und Quieken
zu hören war.
38. Tag
Er wachte auf mit riesigen Schmerzen. Und blickte geradewegs in eine
Pistolenmündung. Seine Arme ließen sich nicht bewegen. Er fühlte die
Handschellen, trotzdem hätte er noch Bewegungsfreiheit gehabt. Aber
er konnte nichts bewegen, sein ganzer Körper tobte vor Schmerz !
Er sah sich im Zimmer um. Jedenfalls das, was er vom Bett aus sehen
konnte. Sie hatten ganze Arbeit geleistet. Er bezweifelte, daß jemand
überlebt hatte. Der Anblick war nicht zu ertragen. Es war ein blutiges
Gemetzel. Einer seiner Bewacher erzählte ihm, daß sie 3 Stunden gegen seine
"dressierten Viecher" gekämpft hätten. 25 Leute hatten sie verloren, bis
ihnen das Militär und Bundesgrenzschutz geholfen hatten. Schließlich
hatten sie auch die letzte Ratte massakriert. Sie nahmen ihn mit in U-Haft,
wo er wohl auf seinen Prozeß warten würde. Einer meinte, es kämen mindestens
10 Jahre, unter Umständen sogar lebenslänglich auf ihn zu.
40. Tag
Die Knast-Pritschen waren hart. Aber seit ein paar Stunden hatte er das Gefühl,
er bekäme Gesellschaft. Und tatsächlich. Ein alter Freund besuchte ihn: Kalle !
Er sah Kalle an und merkte, daß Kalle irgendwie verängstigt aussah. Kalle
sagte: "Sie haben mir gedroht. Wenn ich sie zu Dir führe, dann lassen sie mich
und meine Familie in Ruhe. Bitte befehl ihnen, uns nix zu tun !"
"Laßt ihn gehen" sagte er. "Kalle, wenn Du auch nur ein Sterbenswörtchen
zu jemandem sagst: meine Jungs kriegen Dich !" Kalle lehnte zitternd an der
Wand und sagte: "Nnein, ist ok, ich will davon auch gar nichts wissen..."
Nachdem Kalle raus war, ging er zu seinem "General" und fragte: "Wieviel
Mann haben wir noch ?" Die Antwort kam direkt in sein Hirn und lautete:
"über 10000 ! Wir haben Reserven bis zum Abwinken !" Er sagte: "Na, dieses
Mal machen wir es besser, sie werden uns nicht mehr so einfach kriegen..."
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