22.04.
Bente hat mir heute ein Tagebuch geschenkt. Wie lieb von ihr!
Gleich mal was reinschreiben, Hahaha. Nun ja, außer, daß es heute
ziemlich warm ist, ist eigentlich nichts passiert, was den Tagebuch-Eintrag
lohnt. Mal sehen, was morgen kommt.
25.04.
Seit 2 Tagen nur in der Sonne rumgelegen. Gestern wollte ich zwar
auch noch was aufschreiben, aber bei 26° bräune ich mich lieber, Hihi.
Naja, das Buch wird schon noch voll werden. Ich muß aufpassen, das
der kleine Martin nicht mit seinen nassen Füßen über mich stolpert,
sonst saut er es mir noch ein. Naja, Kinder...
26.04.
Heute regnet es schon den ganzen Tag. Obwohl sich die Temperatur nicht
viel geändert hat, jetzt sind es noch 25°, geradezu subtropisch. Martin
nervt total ab, daß er draußen spielen will. Aber was können wir schon
für das Wetter? Hoffentlich kommt der Sommer wieder, manchmal ist
es früh im Jahr ein paar Tage schön und das war's dann.
30.04.
Hui, 30° heute. Sonne pur, kein Wölkchen am Himmel, Martin ist
den ganzen Tag mit seinen Freunden im Freibad. Und da heute Samstag
ist, können wir uns einfach so in den Garten legen, ohne an Arbeit denken
zu müssen.
Nachtrag Abend: Wetterbericht für die nächsten 2 Wochen: super! Über ganz
Europa keine einzige Wolke zu sehen. Den einzigen Wermutstropfen muß
Süd-Italien verkraften, dort gibt es seit einer Woche Sandstürme, die von
Afrika her nach Norden wehen. Naja, und ein paar Waldbrände.
03.05.
Wir haben unsere Urlaubsreise abgesagt. Wozu nach Mallorca fliegen, wenn
wir alles, was wir brauchen, hier haben? Tante Luise sieht das natürlich
anders: "Wir fahren da jedes Jahr hin, also auch dieses Jahr!"
Nun gut, so haben wir wenigstens unsere Ruhe. Zum Thema Ruhe fällt mir
nur ein, daß Martin wieder rumnölt, er hätte nichts zu trinken. Naja,
bei den Temperaturen ja auch kein Wunder. Seit 3 Tagen konstant 32°,
da schleppt man schon mal gerne ein paar Kisten in den 2. Stock.
07.05.
Tante Luise hat aus Mallorca angerufen: 37° im Schatten!
Selbst das Wasser hat 26°! Sie ist hochzufrieden, nur die Getränkepreise
sind auf einem Höchststand angekommen, weil alles erst auf die Insel
gekarrt werden muß. Jedenfalls sind sie die ganze Zeit im Wasser, also
so wie wir, nur daß es bei uns ein See ist und dort unten das Mittelmeer.
Der Wald hinter dem See ist leider mittlerweile abgebrannt, aber ich
denke, das wird bestimmt wieder aufgeforstet.
10.05.
Anruf aus Mallorca bekommen: Tante Luise liegt im Krankenhaus, weil ihr
Kreislauf die 40° nicht mehr ausgehalten hat. Kunststück, mit
58 sollte man sich bei diesen Temperaturen auch nicht in die pralle
Sonne legen. Aber sie weiß ja immer alles besser. Ihr Lebensgefährte
ist ja so ein lahmes Schaf, der traut sich ja nie was zu sagen. Das hat
er nun davon: einen versauten Urlaub und Tante Luise die ganze Zeit
am Meckern.
12.05.
Hier sind mittlerweile auch 37°. Mitte Mai! Das erscheint mir langsam
komisch. Europa hat immer noch keine einzige Wolke ringsrum. Selbst
in Island sind mittlerweile 25°. Äußerst ungewöhnlich. Aber den Kindern
gefällt's, Martin ist mittlerweile braun gebrannt und wir entspannen uns
auch recht gut. Die Getränke- und Wasser-Preise sind in astronomische
Höhen geklettert. Wir haben schon Verrückte gesehen, die sich mit Eimern
beim See bedienen. Igitt, wo die Algen schon so stark blühen und wahrscheinlich
Dutzende von Kindern ins Wasser gepinkelt haben! Heute noch Tante
Luise anrufen. Hoffentlich habe ich nicht wieder ihren schweigenden
Willi am Rohr.
13.5.
Tante Luise geht es sehr schlecht. Auf Mallorca sind mittlerweile
41°. Selbst im Krankenhaus wurde das Wasser rationiert. Willi war diesmal
nicht so schweigsam wie sonst, im Gegenteil: er hat geheult wie ein
Schloßhund. Ich hatte angeboten, nach Mallorca zu kommen oder sogar
sie abzuholen bzw. abholen zu lassen. Bei uns sind es zwar auch 37°
aber immerhin gibt es hier noch keine Wasserrationierung. Willi hat
abgewunken, denn Tante Luise ist momentan nicht transportfähig.
Nachtrag Abend: Halb Australien ist überschwemmt. Das, was Europa
und Nordafrika an Wasser fehlt, prasselt momentan in Australien,
Afrika und Südamerika runter. Auch Nordamerika schwitzt. In Kanada
schon 27°. Im heißen Death Valley mitten in der Wüste hat man 57°
gemessen. Irgendwas stimmt nicht. Klimaforscher streiten sich im
Fernsehen, aber ohne brauchbare Ergebnisse. Es scheint keine Modelle für diese
Art Wetterphänomen zu geben. Diverse Waldbrände sind weltweit außer
Kontrolle.
17.5.
Willi hat angerufen. Es sieht fast so aus, als wenn es Tante Luise
nicht mehr schafft. Sie ist ganz ausgedörrt, die Klimaanlagen
müssen mehrmals am Tag abgestellt werden und Wasser gibt es kaum noch.
Wir fliegen hin, Bente und ich. Martin lassen wir erstmal bei Oma.
Ich mache mir Sorgen um die beiden, da gestern eine Häuserzeile
in der Nähe abgebrannt ist.
21.5.
Erschütternd: Tante Luise ist gestorben. Ihr Kreislauf hat es einfach
nicht mehr geschafft. Willi wirkt auch angeschlagen. Die Überführung
der Leiche kostet ein Vermögen, weil sie natürlich wie immer an der
Versicherung gespart haben. Wir sind nun zurück und warten täglich
auf die Ankunft des Sargs. Die Verzögerungen treten ein, weil bei
diesen Temperaturen Flugzeuge nur noch nachts betankt werden. Tagsüber
ist es zu gefährlich, es ist in Süd-Europa zu viel passiert in letzter
Zeit. Zu viele Flieger fingen Feuer durch Betanken am Tag. Hier ist
die Hitze zwar leicht zurückgegangen auf 35°, das Wasserproblem scheint
aber auch hier stärker zu werden. Martin sieht etwas dünn aus.
Aber es kann auch daran liegen, daß er sehr an Tante Luise hing.
23.5.
Heute war Beerdigung von Tante Luise. Die Gräber auf dem Friedhof ähnelten
mehr einer Wüste. Überhaupt fegte immer ein heißer Wind kleine Sandkörner
über die Wege, so daß diese nur noch schwer zu sehen waren. Es war nur
ein Teil der Familie gekommen, da bei uns einer der heißen Höhepunkte
zur Zeit war: 37° mal wieder. Im Rest des Landes waren es knapp 30-33°.
Danach waren wir beim Griechen um die Ecke zum Leichenschmaus. Ich hasse
diese Tradition. Aber wenn man sich drückt, ist man ja erst recht der Arsch.
Wenigstens ging es ratzfatz, da die Getränke dermaßen teuer waren, daß
sich Willi nur 2 Gläser pro Familienmitglied leisten konnte. Und wer
wollte schon Alkohol trinken zur Zeit? Das wäre zwar billiger gewesen,
hätte aber noch mehr Durst gemacht.
25.5.
Endlich Abkühlung! Es hat geregnet, den ganzen Tag! Die Kinder haben
draußen im Regen gespielt und geplanscht. Auch die Temperatur ist wieder
auf ein vernünftiges Maß runtergegangen: 23°. Fast schon kalt, brr.
Ich war das gar nicht mehr gewohnt, Haha. Haben wir's nun hinter uns?
Wird der Sommer, auf den wir so gewartet haben, jetzt wieder normal?
01.06.
Die letzte Woche wurde es wieder täglich wärmer. Berichte aus Italien,
Frankreich und Spanien über Aufstände: der Kampf ums Wasser. Dort hat es
zwar auch geregnet, aber die Auswirkungen waren ähnlich wie hier gewesen.
Die Wassermassen hatten den Boden mitgerissen, inklusive vertrockneter und
verbrannter Bäume. Diverse Städte waren dort stärker in Mitleidenschaft
gezogen worden als bei uns. Epidemien sind in Spanien ausgebrochen:
Cholera und Ruhr. Habe ich mich zu früh gefreut?
04.06.
Es weht schon wieder dieser sandige Wind. Martin wollte unbedingt zu
Oma und als wir dort ankamen, sah sie gar nicht gut aus. Ich hoffe,
das nimmt nicht den gleichen Lauf wie bei Tante Luise. Sie meinte aber,
sie hätte schon Schlimmeres hinter sich: den Krieg. Dagegen wäre die
Trockenheit doch ein Witz. Martin sieht ebenfalls nicht so gut aus.
Wir haben uns auch mit dem Wasser eingeschränkt. Ich hatte
zur Zeit des Regens versucht, mit möglichst vielen Töpfen, Bottichen
usw. Wasser aufzufangen. Obwohl die Garage randvoll mit Wasser war,
ist schon fast die Hälfte verbraucht.
07.06.
Die Polizei war da. Jemand hat Oma überfallen und umgebracht! Für
2 Flaschen Wasser! Man hat den Mörder sogar erwischt, aber der
hat der Polizei nur ins Gesicht gelacht: "Hauptsache, ich kann
noch ein paar Tage länger leben! Und sie wäre sowieso bald gestorben!"
Ich weiß nicht, wie ich das Martin beibringen soll.
10.06.
Mal wieder Beerdigung. Bei 45°. Außer Bente und mir ist niemand gekommen.
Viele Sorgen sich um die allgemeine Lage. Es gibt mittlerweile Banden,
die anderen das Wasser mit Gewalt entreißen. Martin wollte auch nicht mit.
Die Welt erscheint mir so trostlos, so leer, einfach sinnlos. Wer soll
das am Ende noch überleben? In Afrika, Australien und Südamerika ertrinken
die Menschen, hier verdursten sie. Es gibt keinen Punkt der Erde, der angenehm
scheint. Die Antarktis schmilzt täglich unter dem Dauerregen weg und der
Nordpol hat mittlerweile 28°. Aber wir kriegen nicht mehr allzuviel davon mit.
Einerseits gibt es nur noch wenig Fernsehen und andererseits wegen Wassermangel
auch Stromsperre. Scheiß Wasserkraftwerke, hätten sie mal Solarzellen
aufgestellt. Und der Wind ist auch nur noch als Treibsandwind da, ein laues
Lüftchen, bei dem die Windkraftwerke nicht mehr angetrieben werden.
Die Straße ist mittlerweile tagsüber völlig leer. Hin und wieder brennen
ein paar Autos, zum Glück ist unsere Garage groß genug für Wasserfässer
UND das Auto!
15.06.
Martin liegt seit gestern im Bett und will nicht mehr essen und trinken.
Obwohl ich noch 5 Fässer voller Wasser in der Garage habe, weigert er
sich. Und wenn ich versuche, es ihm einzutrichtern, kotzt er es kurze
Zeit später wieder aus. Er hat Fieber und redet im Wahn. Der Arzt konnte
ihm nicht helfen. Er hatte gesagt, wir müßten ihn ins Krankenhaus schaffen,
nur dort könne man ihm helfen. Nur wie? Autofahren hat man verboten,
um die Luft, die mittlerweile bei 47° angekommen ist, nicht noch
weiter aufzuheizen. Ich kann ihn doch nicht 2 Stunden bei der Hitze
quer durch die Stadt tragen! Wir versuchen, einen Krankenwagen zu kriegen,
die fahren mittlerweile mit Batterie.
18.06.
Endlich! Der Krankenwagen ist da. Martins Haut blättert ein wenig ab,
das sei ein schlechtes Zeichen, meinte der Arzt. Aber immerhin sei es
noch nicht zu spät. Da die Batterie von dem Wagen nicht stark genug aufgeladen
ist, darf nur einer von uns mitfahren. Schließlich einigen wir uns darauf,
daß Bente mitfährt. Ich werde hier am Telefon warten. Wenn es denn mal
geht. Die Luft, die aus dem Krankenwagen quillt, scheint noch wärmer
als die Umgebungstemperatur zu sein. Letztere liegt mittlerweile vor
einer magischen Grenze: 49°.
20.06.
Bente ruft so oft an, wie es geht, also ca. 3-4 mal am Tag. Martin geht
es immer noch schlecht. Die Klima-Anlage des Hauses fällt 2-3 mal pro
Tag aus. Wasser ist auch rationiert. Die Ärzte meinen aber, daß er es
schaffen könnte. Sein Wasserhaushalt sei noch nicht ganz so stark
gestört. Außerdem hat sich das Abblättern der Haut wieder etwas
gegeben. Bente ist ganz aufgelöst. Ich dagegen fühle mich einfach
nur leer. Die halbe Nachbarschaft wird von den Wasser-Banden terrorisiert.
Ich mache nicht mehr auf wenn's klingelt, die Jalousien bleiben
sowieso schon seit Wochen unten. Nachts gehe ich nur noch mit einer
Pistole bewaffnet zur Garage. Ich hatte ja mal überlegt, das Wasser
ins Haus zu schaffen, aber man könnte mich dabei sehen. Aus dem 2. Stock
kann ich tagsüber gut die Straße überblicken. Aber tagsüber ist sie leer.
24.06.
Das Telefon ist tot. Nun weiß ich gar nicht mehr, was los ist. Kein
Strom, kein Telefon. Letzte Nacht habe ich einen Schlauch zur Garage
verlegt und das gesamte Wasser in Bottiche im Haus gepumpt. Die
Scheiß Pumpe war leider sehr laut. Hoffentlich handele ich mir
keinen Ärger ein. Tagsüber ist es fast gefahrlos im Haus, draußen
sind es 55° und die Straßen bleiben auch leer. Im Haus sind es auch 38°,
aber immer noch besser als in der Gluthitze. Nachts fällt die
Temperatur auf knapp 45° und dann sieht man schon einige seltsame
Gestalten draußen bzw. ihre Schatten im Mondlicht.
30.06.
Ich werde noch verrückt! Das muß doch mal ein Ende haben! Das Außen-
Thermometer zeigt 60° an. Viel paßt nicht mehr auf die Skala. Und
immer noch keine Nachricht von Bente. Hoffentlich geht es ihr und Martin
gut. Ich weiß nicht, was ich tun soll. Auf den Tod warten? Die Seiten
des Tagebuchs halten, aber leichte Bröselerscheinungen zeigen sich an
den Rändern. Wenn die Temperaturen weiter steigen, hätte ich mir
das Aufschreiben sparen können, dann macht das Buch noch vor mir
schlapp.
06.07.
Mein Wasservorrat neigt sich dem Ende zu. Was mache ich, wenn es alle ist?
Ich hatte darüber nachgedacht, nachts aus dem Haus zu gehen, um irgendwo
Flüssigkeit zu besorgen. Aber eine Szene in der Dämmerung trieb mir
den Schock in die Knochen. Kaum ging die Sonne unter, kamen die Gestalten
aus ihren Löchern. Nicht viele, aber doch so 10-15 waren es wohl.
Und sie waren selbst untereinander feindlich! Einer wurde zu Boden
gerissen. Dann schlitze man ihm die Kehle auf und trank sein Blut!
Ich habe mir vor Angst fast in die Hosen geschissen! Ich kann es eigentlich
immer noch nicht fassen! So weit würden Menschen wirklich gehen?!
Meine Sorge um Bente und Martin wurde ständig größer. Dann fiel mir ein:
ich habe ja noch das Auto hier. Dann soll mich die Armee erschießen,
wenn ihre Patronen bei 61° noch funktionieren.
09.07.
Ich bin bis zum Krankenhaus gekommen, als der Motor streikte. Es war niemand
auf den Straßen, ich war ja auch extra tagsüber gefahren. Zumindest war
niemand zu sehen, der lebte. Diverse Skelette und "frischere" Leichen lagen
auf den Straßen. Mittlerweile war ich auch total ausgelaugt. Ich hätte sogar
das Kühlwasser getrunken, aber es war sowieso schon fast verkocht, der Grund,
warum der Wagen nicht mehr weiterwollte. Zu meinem Entsetzen war das
Krankenhaus leer. Die Fenster waren entweder offen oder eingeschlagen worden.
Auf diversen Fluren sah es nach Kampf aus: umgestürzte Betten und
undefinierbares Material, das
auf dem Boden rumlag. Ich hetzte trotz meines Durstes durch alle Etagen.
Es war extrem, ich schwitzte nicht mal, denn der Schweiß verdampfte sofort
auf meiner Haut. Als die Hitzewelle anfing, hatten wir uns ja immer die
Kleidung vom Leib gerissen, später dann behielten wir sie an, um die
Feuchtigkeit bei uns zu halten. Jetzt kann ich zusehen, wie der Schweiß durch
die Kleidung nach außen durchdampft. Ich habe nun nichts mehr. Bente
und Martin sind verschwunden, das Haus und Auto sind nutzlos, kein Wasser.
Nur der Astronautenstift, der scheinbar jede Hitze durchhält und das
Tagebuch bleiben mir noch. Mal sehen, wann die Seiten wegen der Hitze
wegbröseln, das Papier scheint robuster als ich dachte.
13.07. (?)
Ich habe im Keller des Krankenhauses ein paar Tage verbracht, hier war
es recht kühl, das muß mal die Leichenhalle gewesen sein. Da es dunkel ist,
weiß ich nicht, wieviel Tage vergangen sind, ich habe versucht zu schlafen.
Falls also jemand dieses Buch findet, bitte ich um Nachsicht bzgl. des
Datums. Ich weiß nicht mehr weiter. Wo soll ich hin? Was kann ich tun?
Gibt es einen Weg, lebend davonzukommen? Wenn ja, wohin? Nach Australien
oder Afrika wird wohl zu weit sein. Außerdem war in den letzten Nachrichten,
an die ich mich erinnern kann, zu sehen, daß Italien eine komplette Sandwüste
geworden war. Selbst das Mittelmeer war ausgetrocknet. Hiermit beschließe ich,
hier zu sterben. Besser, als von diesen Verrückten draußen umgebracht und
ausgetrunken zu werden. Sollen sie doch sehen, wo sie ihre Opfer herbekommen.
Ich werde jetzt wieder schlafen...
01.08.
Ich liege in einem Bett und habe wohl immer noch Fieber. Von allen Seiten
bekomme ich zu hören, was für ein Glück ich doch hatte. Übrigens stimmt
jetzt sogar das Datum. Eine Schwester hatte mir das Tagebuch zurückgegeben
nachdem ich aufgewacht war. Das war vor 3 Tagen. Aber erst jetzt habe ich
wieder genug Kraft, um Eintragungen zu machen. Sie haben das Buch irgendwie
behandelt, die Seiten fühlen sich nicht mehr so trocken an. Die Schwester
meinte, es wäre jetzt "wetterfest" bis 300°. Reizende Vorstellung.
Ich liege unter einer Art Kuppel mit eigenständiger Klimatisierung.
Ich schätze mal, 25-30°. Vor der Kuppel scheint es schlimmer zu sein.
Schwestern und Ärzte laufen in so etwas wie Raumanzügen herum. Nebenbei
habe ich erfahren, daß ich in einem Militärkrankenhaus liege und eine
Patrouille mich gefunden hatte. Niemand hat etwas von Bente oder Martin
gehört. Man sagt mir, ich soll kämpfen.
Ich frage mich aber nur: wofür? Wenn Bente und Martin tot sind, lohnt
es sich nicht, zu kämpfen. Andererseits: Die Krankenhäuser wurden von der
Armee evakuiert ohne Absprachen untereinander, weil die Kommunikation
zusammengebrochen war. Eine andere Patrouille hätte Bente und Martin
also schon vorher abgeholt haben können.
06.08.
Schwächeanfälle werfen mich immer wieder zurück. Der Arzt, Dr. Brabam
erzählte mir etwas von 71°. Das war ein Schock! Es schien wirklich
nie aufzuhören! Ich fragte ihn, ob es denn da kein Limit gäbe. Er
grinste und sagte: "Naja, ich denke, ab 110° wird es keine weitere
Erhöhung geben, zumindest meinen das die verbliebenen Wissenschaftler,
die Statistiken führen. Aber bis dahin kann es noch dauern." Er versprach mir,
einen Wärmeschutzanzug für mich maßschneidern zu lassen.
14.08.
Es sieht so aus, als wenn meine Entlassung naht. Der Anzug wurde
in die Kuppel gelassen. Mit ihm kam ein heißer Windstoß, es war
furchtbar. Er war ganz heiß und ich mußte etwas warten, bis ich ihn
anfassen konnte. Aber jetzt paßt er wunderbar, wie eine zweite Haut.
Er hat winzige Kühlschläuche über das ganze Material verteilt. Genau
wie ein Raumanzug. Dr. Brabam sagte, der Anzug würde bis zu 300° aushalten.
Hm, genau wie mein Tagebuch jetzt. Selbst die Tinte des Astronautenfüllers
würde das jetzt durchhalten. Nichtsdestotrotz hat man mir empfohlen,
auf ein digitales Tagebuch umzusteigen, man weiß ja nie. Ich habe mich
geweigert: wenn wir alle tot sind, soll es auch jemand lesen können,
der nicht mit unserer Technik vertraut ist.
15.08.
Ein Offizier fragte nach, was meine Zukunftspläne seien. Da ich keine
habe (Haha, was für eine Zukunft?), fragte er mich, ob ich nicht in der
Armee mithelfen wolle. Da ansonsten nur Rumhängen im Krankenhaus
möglich gewesen wäre, sagte ich zu. Was kann schon noch passieren?
22.08.
92°, absoluter Höhepunkt bis jetzt. Aber die Temperaturen scheinen weltweit
nicht sehr viel höher zu sein. Vielleicht können wir doch noch hoffen, daß
nicht das gesamte Wasser des Planeten in den Weltraum verdampft. Gut, daß
wir in den Anzügen stecken, in denen die Luft vorgefiltert wird. Besonders
die austrocknenden Meere hinterlassen einen Gestank aus toten Fischen usw.,
daß man die Nebelschwaden richtig sehen kann.
Ob ich Bente und Martin jemals wiedersehe?
30.08.
Eine Leiche eines Kindes wurde in Dänemark gefunden. Es war wohl schwierig,
eine erhaltene DNA-Sequenz zu finden, denn mittlerweile sind wir weit
über den Temperaturen, die DNA aushalten kann (103°). Das Ergebnis war
für mich erschütternd: Es ist Martin. Wie mag er dahingekommen sein?
Wo ist Bente? Aber da Kommunikation immer noch schwierig ist, denke
ich mal, daß ich da noch abwarten muß. In der Zwischenzeit baue ich mit
anderen Soldaten klimatisierte Häuser aus Spezial-Materialien.
Erstaunlich, wieviel Zivilisation wir doch noch retten konnten.
Einerseits ist meine Hoffnung durch Martins Leiche wieder auf Null,
andererseits sehe ich auch, was zur Zeit geschaffen wird. Ja, wir
werden es schaffen. Vielleicht nicht als Einzelne, aber die Menschheit
insgesamt wird es schaffen.
12.09.
113°. Seit einer guten Woche unverändert. Tag und Nacht. Ohne Unterschied.
Die Meere sind verdampft, der Ozeanboden ist teilweise aufgerissen und
hat Vulkane gebildet, da der Druck des Wassers fehlt. Die großen Staubwolken
verdecken zwar den Himmel. Aber es regnet trotzdem nicht und viel kühler
wird es auch nicht. Im Gegenteil, in Vulkannähe steigen die Temperaturen.
Die Verzweiflung wächst, denn die Wasservorräte gehen zur Neige.
Selbst mit Recycling werden wir kaum ein Jahr hinkommen und auch das nur
unter eiserner Rationierung. Das Hoffen auf den Winter hat begonnen. Von
allen Seiten höre ich, daß die Hoffnung berechtigt sei, da die Temperatur
nicht mehr ansteigt.
01.10.
Die Situation ist seit meinem letzten Eintrag unverändert. Ich frage mich
die ganze Zeit: wer könnte diese Zeilen noch lesen? Laut allen eingehenden
Berichten gibt es weltweit noch 1000 Gruppen, in denen ums Überleben
gekämpft wird. Unsere Gruppe umfaßt ca. 3000 Personen, d.h., auf der
ganzen Erde existieren nur noch 3 Millionen Menschen, Tendenz abnehmend.
Werden wir lange genug bis zum Winter durchhalten?
10.10.
Immer noch keine Temperaturänderung. Und keine Spur von Bente. Die anderen
sagen, ich soll sie vergessen, sie ist bestimmt tot. Es gäbe nicht mehr
viel Spaß im Leben und man solle doch wenigstens mit einer der Frauen einmal
die Woche die Klimakammer "nutzen". Da gibt es eine Frau namens Atara, die
mir schon öfter zugezwinkert hat. Ich habe schon mit dem Gedanken gespielt,
aber letztlich komme ich nicht von Bente weg. Sie ist einfach zu übergroß
in meinem Kopf.
18.10.
Man hat mich vergewaltigt! Es ist unfaßbar, aber genau das ist passiert!
Ich konnte die Gesichter nicht erkennen, was vor allem an der Betäubung
lag, die man mir durch den Luft-Filter hindurch verpaßt hatte. Wieso
hat dieser Scheiß-Filter die Betäubung nicht zurückgehalten???
Jedenfalls haben sich 3 Frauen darum bemüht, Sperma aus mir rauszuquetschen.
Sie gehörten alle drei dem Programm "Für eine neue Erde" an. Religiöse
Spinner. Da ihre Methoden äußerst schmerzhaft waren, habe ich letztlich
doch nachgegeben. Immerhin habe ich lange durchgehalten, ich habe nur
noch 3 Fingernägel und keine Fußnägel mehr und auf den geschundenen
Nagelbetten werden auch so bald keine mehr wachsen, besonders dort,
wo sie mit heißen Nadeln das Gewebe verbrannt haben. Trotz des Schmerzes
hielt die Betäubung der Muskeln die ganze Zeit an! Welch ein Fortschritt: Wir
sind am Rande der End-Katastrophe und wir entwickeln immer noch Waffen
gegeneinander...
28.10.
Die Vergewaltigerinnen sind bekannt. Trotzdem scheint niemand sich drum
zu kümmern. Es geht mittlerweile ums nackte Überleben. Ich bin am überlegen,
ob ich sie eigenhändig umbringen soll. Aber das kann ich nicht. Ich bin
kein Mörder. Eine von ihnen ist Atara. Daran sieht man mal, daß Abwarten
manchmal gar nicht so falsch ist. Wer weiß, was passiert wäre, wenn ich
mich mit ihr eingelassen hätte? Oh, fast vergessen: immer noch 113°.
17.11.
Der Winter kommt und kommt nicht. Atara und ihre Gefährtinnen sind mittlerweile
tot. Aber nicht durch meine Hand. Nein, sie haben sich mit dem Gouverneurssohn
angelegt. Sie kannten ihn wohl nicht. Schwerer Fehler. Egal, ich muß immer
noch an Bente denken. Aber wenn das mit dem Winter nichts wird, dann hat das
sowieso keinen Sinn.
03.12.
1. Advent, ein Scheinwerfer strahlt gerade nach oben. Immer noch unverändert
113°. Unsere Zahl dezimiert sich deutlich, wir sind nur noch 1837 nach der
letzten Zählung vor einer Woche. Der Kontakt zu diversen Gruppen auf der
Erde reißt auch immer mehr ab. Viele verlieren die Hoffnung. Ich habe
meine noch: Bente.
24.12.
Weihnachten bei trostlosen 113°. Der Baum aus hitzebeständigem Metall
ist mittlerweile vom Wind total zugesandet. Es guckt nur noch die
Spitze raus. Wahrscheinlich wurde Bente deshalb nie gefunden, sie liegt
unter einer Wanderdüne.
09.01.
Wir sind nur noch 233 Personen, alles Erwachsene. Die meisten Kinder
wurden von Krankheiten wie Mumps und Polio dahingerafft. Was die Hitze
nicht schafft, schaffen Bakterien, die sich seit der Hitze großartig
vermehren. Ich kann nur sagen: eine Erkältung im Schutzanzug ist
extrem eklig, besonders, wenn dauernd der Schnodder an der Frontscheibe
runterläuft.
02.02.
Es ist so gut wie aus. Immer noch 113°. Kein Wasser mehr. Muß aufpassen.
Es gab schon wieder Bluttrinker. Irgendwie kommt es mir unnatürlich vor,
kein Klimaforscher konnte die Katastrophe erklären und es hatten einige von
ihnen überlebt. Jetzt sitzen wir hier und bringen uns gegenseitig
um, ohne Sinn, ohne Zukunft. Aber wenn es von außen herbeigeführt worden
wäre, was hätte es für einen Sinn? Könnte ein Eroberer etwas mit einem
toten Planeten anfangen?
03.02.
bin verletzt habe angriff abgewehrt aber anzug beschädigt
paar hautstellen kochen schon kann nicht lange dauern stift
kaum halten bald vorbei bente bente ben
EPILOG:
"Commander, was haben Sie da?"
"Nur ein Buch. Ein Tagebuch, wie es scheint."
"Und was steht drin?"
"Von dem, was ich von den hiesigen Sprachen weiß... es sieht aus wie
eine Beschreibung der Auswirkungen unseres Eingriffs."
"Ach so, also nichts Wichtiges?"
"Nein."
"Dann werfen Sie es weg und lassen sie uns weiter das Gestein verladen!"
"Ja, mein General!"
Er beugte sich runter und kostete leicht vom Sand.
"Hm, und so schön kühl."
"Hey, nicht naschen, das muß noch ein paar andere ernähren!
Und wir müssen uns beeilen, bevor es wieder frostig wird!
Ewig wird man die Sonnenstrahlen nicht runterbündeln, nur damit wir
hier im Paradies leben."
"Zu Befehl!"
Der heiße Wind, der den Sand um ihre Stiefel wehte, hatte genau die
richtige Temperatur, dachte der Commander, als er sich auf den Steuerplatz
des riesigen Bulldozers setzte. Angenehm kühl, aber nicht zu kühl.
Meine Urheberrechte bleiben gewahrt.
Die nachfolgenden Bedingungen sind
lediglich erweiterte Nutzungsrechte!
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